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Die internationale Insolvenzwelle rollt weiter
Montag, 22. Juni 2009 um 09:10 Uhr

Ludwig Mertes, Vorstand der PRISMA Kreditversicherung, sieht für das laufende Jahr keine Erholung an der Pleitefront. Die Insolvenzwelle hat sich mittlerweile auf alle Länder und Branchen ausgebreitet. Da zwischen Konjunktureinbruch und Insolvenzfällen immer eine gewisse Zeitverzögerung liegt, steht das Schlimmste noch bevor. Eine Erholung kann erst ab 2010 erwartet werden.

Das Wort Bankrott kommt ursprünglich aus dem Italienischen und steht für banca rotta, was so viel wie gebrochene Bank bedeutet. Wenn ein Banker im mittelalterlichen Italien seine Schulden nicht bezahlen konnte, wurde sein Tisch oder seine Bank in zwei Teile zerbrochen. "So brutal geht es heute zwar nicht mehr zu, aber die Insolvenzwelle zieht immer weitere Kreise", fürchtet Ludwig Mertes.


Internationale Insolvenzprognose 2009 (Grafik: PRISMA Kreditversicherungs-AG)

"Während im letzten Jahr der Finanzsektor und die Bauwirtschaft am stärksten von der Insolvenzsteigerung betroffen waren, beobachten wir jetzt den Großteil der Unternehmenspleiten in den Industriesektoren. Zudem nimmt die Höhe der Passiva immer mehr zu", so Mertes weiter. Insgesamt wird die Insolvenzwelle auf der ganzen Welt mit voller Wucht zuschlagen. Wenn man die Insolvenzsteigerungen der wichtigsten Handelsnationen zusammenzählt und nach dem BIP gewichtet, ergibt sich für 2009 ein weltweiter Insolvenzanstieg von 35 %.

Internationale Insolvenzprognose 2009

Veränderung zum Vorjahr in % und Zahl

    2008  2008   2009   2009

 Niederlande  4.635  0,7%  8.111   75%
 Norwegen  3.637   28%  6.037   66%
 Spanien  2.528  187%  3.994   58%
 Lettland  1.226   21%  1.839   50%


 USA         43.546   54%	63.142   45%
 Litauen    928   53%  1.299   40%
 Estland    429  112%    601   40%
 Italien  8.800   45%	11.528   31%
 Frankreich        57.659   15%	72.074   25%
 Deutschland        29.291  0,4%	34.856   19%


 Österreich  6.315  0,3%  7.262   15%
 China   4.555    5%  5.011   10%

Quelle: Schätzung Euler Hermes; Stand: 05/2009

*) Der internationale Vergleich absoluter Insolvenzzahlen stellt sich als schwierig dar, da die Anzahl der Unternehmen nicht in direktem Zusammenhang mit der Größe eines Landes steht. In manchen Ländern sind auffällig viele oder auffällig wenige Unternehmen von der Statistik erfasst. Dies ist auf gravierende Unterschiede in den einzelnen Insolvenzgesetzen oder auf unterschiedliche Definitionen der Unternehmensinsolvenzen zurückzuführen.

Nachdem Spanien letztes Jahr alle Insolvenzrekorde gebrochen hat, liefert sich nun das restliche Europa ein trauriges Wettrennen im Firmensterben. In den Niederlanden ist die jahrelang positive Wirtschaftsentwicklung zu einem abrupten Ende gekommen. Nachdem die Insolvenzfälle im Jahr 2008 um nur 0,7 % zunahmen, werden sie bis Ende 2009 um satte 75 % steigen. Damit sind sie europäischer Spitzenreiter.

Auch in Norwegen heißt es für viele Unternehmen zurück an den Start. Nach vier Jahren rückläufiger Insolvenzen, stieg die Zahl im Jahr 2008 um 28 %. Für 2009 ist ganz und gar keine Besserung in Sicht. Alleine im ersten Quartal stiegen die Insolvenzen um 88 %. Unsere Experten gehen davon aus, dass sich der Anstieg bis zum Ende des Jahres auf 66 % einpendeln wird.

In Spanien sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache. Im Jahr 2009 werden die Insolvenzen um weitere 58 % ansteigen. "Diese Zunahme ist für die ohnehin gebeutelte spanische Wirtschaft schwer zu verkraften", sagt Mertes.

Weiter nördlich sind die baltischen Tiger müde geworden und kämpfen mit Insolvenzsteigerungen zwischen 40 % und 50 %. Besonders betroffen waren Unternehmen in der Baubranche, im Transportwesen und in der Möbelindustrie.

Das restliche Jahr wird auch für die Italiener schwierig werden. Durch die andauernde Rezession und schlechten Aussichten, werden 2009 wieder zahlreiche Unternehmer das Handtuch werfen müssen. "Unsere Experten rechnen mit einem Anstieg von 31 %", so Mertes.

In Frankreich waren die Vorboten der Insolvenzwelle bereits 2008 spürbar, als das Land den höchsten Insolvenzanstieg seit 1997 erlebte. Mertes erwartet, dass sich dieser Trend bis Ende 2009 noch verstärken wird, wenn bis zu 72.000 Unternehmen Insolvenz anmelden müssen. Das ist ein weiterer Anstieg von 25 % im Jahresvergleich.

Der große Bruder Deutschland verzeichnet ebenfalls einen Abwärtstrend, den es seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr in dieser Deutlichkeit gegeben hat. Heuer werden um 19 % mehr Unternehmen bankrott gehen als letztes Jahr. Ein weiterer Anstieg wird für 2010 befürchtet.

"Im Vergleich dazu kommt Österreich bei einem voraussichtlichen Anstieg von 15 % mit einem blauen Auge davon", weiß Mertes. Der Schein trügt allerdings, denn der Anstieg wird Österreich mit seinem ohnehin hohen Insolvenzniveau ein Rekordhoch bescheren.

Auch in anderen Teilen der Welt hinterlässt die Insolvenzwelle ihre Spuren. In den USA, der weltweit größten Volkswirtschaft, werden die Insolvenzen mit Ende 2009 auf über 63.000 ansteigen, das sind +45 % gegenüber dem Vorjahr.

Nach mehreren Jahren halsbrecherischer Expansion werden 2009 insgesamt bis zu 5.000 Unternehmen in China für bankrott erklärt. Eine kleine Zahl in Anbetracht der Größe der chinesischen Wirtschaft. Allerdings werden die registrierten Unternehmensinsolvenzen angesichts der neuen Insolvenzgesetze weiterhin zunehmen.

Insgesamt haben unzählige Unternehmen ihre vorhandenen Liquiditätsreserven ausgeschöpft, um zu überleben. Ein paar weitere Monate mit leeren Auftragsbüchern oder schlechten Umsätzen reichen aus, um sie in die Insolvenz zu treiben.

"Unsere Kreditexperten beobachten, dass insolvenzgefährdete Unternehmen vor allem den Lieferantenkredit als Finanzierungsquelle anzapfen. Die Lieferanten können das aber nicht auf Dauer finanzieren. Wird der Abnehmer letztlich insolvent beginnt sich die Spirale beim Lieferanten zu drehen", so Mertes. Deshalb sind gerade jetzt die Kreditversicherer mit einer sorgfältigen Bonitätsprüfung gefragt. In Zeiten wie diesen ist Transparenz und zeitgerechte Information wichtiger als jemals zuvor. "Hier sind vor allem die belieferten Unternehmen gefordert: Je besser diese informieren, desto mehr profitieren sie von der Partnerschaft zwischen PRISMA und Lieferant (Versicherungsnehmer)", sagt Mertes.